Die Kurzgeschichte ist bei amazon hochgeladen. Hier ist eine kurze Leseprobe:

Mit schnellen Schritten ging Jakob durch die Straßen Roms. Bei seinem letzten Besuch waren die Straßen voll von Menschen gewesen, die ihrem Tagwerk nachgingen, aber jetzt verkrochen sie sich in ihren Häusern. Die wenigen Menschen, die ihm begegneten, sahen bedrückt aus, und beeilten sich, wieder in Sicherheit zu kommen. Sie spürten das Unheil, das sich über ihnen zusammenbraute und bald auf die Stadt niederprasseln würde.

Das Heer Robert de Guiscards lauerte vor der Stadt, wie ein Raubtier, das die Muskeln anspannte und sich zum Sprung anschickte. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie in die Stadt einmarschieren würden.

Aber das war nicht seine Sorge. Die Wächter hatten ihn hierher geschickt, um Tessa zu finden und in Sicherheit zu bringen. Samuel hatte sich das einfacher vorgestellt, als Jakob erwartete. Tessa kam aus den alten Adelsfamilien der Stadt und würde sich nicht von ihm herumkommandieren lassen. Mit ihren bewaffneten Männern, die für sie durchs Feuer gehen würden, fühlte sie sich oft viel zu sicher, und handelte auch oft recht unüberlegt. Die Schatten agierten selten in Rom, und wenn, dann nur still und im Verborgenen. Tessa hatte keinen Sinn für Stille und Verborgenheit. Jakob lächelte, als er an Tessa dachte. Zu lange hatte er sie nicht mehr im Arm gehalten. Sie hatte ihm gefehlt.

Er hielt vor einem Brunnen und wusch sich die Hände, während sein Blick über den Platz glitt. Hier sollte er Tessa treffen, aber er konnte weder sie noch ihre Männer sehen. Nur mehrere behielt er im Auge, die ihm schon nachschlichen, seitdem er das Stadttor durchschritten hatte.

Sie haben auf mich gewartet. Woher wissen sie, dass ich in die Stadt komme? Wie zufällig legte er seine Hand auf das Heft seines Schwerts. Langsam näherten sich ihm ein halbes Dutzend Männer von allen Seiten. Mit dem Rücken zum Brunnen wandte er sich ihnen zu. Ihr Anführer sah ihn an und konnte in seinem Gesicht lesen, dass sie entdeckt waren. „Los, holt ihn euch“, schrie er und stürmte auf ihn zu.

Jakob duckte sich und hörte noch das Pfeifen des Schwerts, als sich seine Klinge auch schon in den Leib des Angreifers bohrte. Der Mann schrie auf und stolperte in den Brunnen. Mit dem Gesicht nach unten blieb er in dem Wasser liegen, das sich langsam rot verfärbte.

Es sind zu viele, schoss es ihm durch den Kopf, ich darf nicht abwarten, bis sie gemeinsam angreifen. Mit schnellen Schritten lief er dem nächsten Angreifer entgegen, blockte dessen Schlag ab und hieb ihm das Heft seines Schwerts ins Gesicht. Wie ein Mehlsack brach der Mann zusammen und blieb reglos liegen. Jakob wirbelte herum, als ihn ein Schlag in die Schulter zurückweichen ließ. Ein Bogenschütze. Aber wo ist er? Der Schaft eines Pfeils ragte aus seiner Schulter und ein Gefühl von Taubheit kroch in seinen Arm. Mit Mühe hielt er sein Schwert, doch viel würde es ihm nicht mehr nutzen. Aus den Augenwinkeln sah er plötzlich einen Mann vom Dach eines Hauses fallen.

Mit Erstaunen sah er wie seine Angreifer sich herumwarfen und die Flucht ergriffen. Einer der Männer stolperte, fiel und erhob sich nicht mehr. Der Bolzen einer Armbrust ragte aus seinem Rücken. Tessas Männer, dachte er, als mehrere Bewaffnete seinen Angreifern nachsetzten.

Jakobs Knie zitterten und er ließ sich auf die Mauer des Brunnens sinken. Warm lief das Blut über seinen Arm und tropfte von seinen Fingern auf den Boden.

„Nimm das“, hörte er die Stimme eines Mannes, der ihm ein Stück Stoff hinhielt.

„Francesco, du bist wahrlich nicht zu früh gekommen.“ Jakob drückte den Stoff auf seine Wunde und lächelte den Mann mit schmerzverzerrtem Gesicht an. Francesco war groß, fast so groß wie Jakob, doch hatte er nicht dessen breite Schultern. Aus dem hageren Gesicht schauten ihn zwei dunkle Augen an, denen nur wenig entging. Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln.

„Haben wir dir mal wieder die Haut gerettet?“, sagte er und griff nach dem Pfeil, um den Schaft abzubrechen. Jakob biss sich auf die Lippen und ließ den Mann gewähren. Nur die feinen Schweißperlen, die seine Schläfen herabliefen, zeugten von den Schmerzen, die er aushalten musste.

„Fertig“, sagte der Mann zufrieden und warf den Pfeilschaft in den Brunnen.

„Wo ist Tessa?“, fragte Jakob.

„Solange wir nicht wissen, was Robert plant, halten wir uns versteckt. Den Palast haben wir verlassen und sind in einem alten Gästehaus untergekrochen, von dem kaum ein Mensch weiß, dass es Tessas Familie gehört. Dort sollten wir sicher sein, bis der Sturm weitergezogen ist.“ Jakob nickte zustimmend. Es war beruhigend Francesco an Tessas Seite zu wissen.

„Geht es ihr gut?“, fragte Jakob.

„Auf jeden Fall geht es ihr besser als dir, mein Freund“, antwortete der Mann und schüttelte lachend den Kopf. „Seit sie von deiner Ankunft gehört hat, rennt sie, wie ein eingesperrter Tiger, durch das Haus und kommandiert alle herum.“

Francesco schaute über den Platz und sah seine Männer zurückkehren, die die Angreifer verjagt hatten. „Jetzt müssen wir los, bevor sie mit Verstärkung zurückkehren.“

Jakob legte seinen linken Arm auf die Schultern des Mannes und kam taumelnd auf die Beine. Bald darauf waren sie im Zwielicht einer der Gassen verschwunden.

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