Die Handlung des Kreuzwege-Romans „Spur der Asche“ spielt im ausgehenden 11. Jahrhundert in Hallberg. Jonah lebt im Waisenhaus und hilft dem Spitalmeister bei der Behandlung und Pflege der Bedürftigen, die das Kloster aufnimmt. Zum besseren Verständnis der Lebensumstände Jonahs habe ich (ganz knapp) einiges Wissenswertes über die klösterliche Krankenpflege zusammengestellt.

Im 11. Jahrhundert waren das Leben der Mönche und deren Tagesablauf zumeist nach den Regeln des heiligen Benedikts von Nursia (480 – 547), dem Begründer des Benediktinerordens, geordnet. Im Jahr 847 hatte Ludwig der Fromme die Übernahme der Benediktinischen Regeln für alle Klöster des Fränkischen Reichs angeordnet. Wichtiger Bestandteil dieser Regeln war es, sich um die Kranken und Schwachen zu kümmern.
Die Sorge für die Kranken muss vor und über allem stehen, man soll Ihnen so dienen, als wären sie wirklich Christus.“

Allgemein gilt Benedikt als Begründer der organisierten, klösterlichen Pflege und damit des stärksten Pfeilers des mittelalterlichen Gesundheitssystems. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die überwiegende Zahl der christlichen Klöster in Deutschland im Mittelalter wenigstens eine Krankenstube für die eigenen Mönche, wenn nicht sogar ein Infirmarium oder Hospital, in dem auch Klosterfremde um Hilfe bitten konnten, besaßen. Auf der Aachener Synode im Jahr 817 wurde den Klöstern die Pflicht zur Angliederung eines solchen Hospitals auferlegt. Die Aufgaben eines Hospitals waren vielfältig. Durchreisenden Fremden und Pilgern wurden Nahrung und ein Lager für die Nacht gestellt, Arme wurden gespeist, Alte und Kranke wurden gepflegt, und wenn alle Pflege versagte, auch bestattet.

Die klösterliche Krankenpflege hatte einen ganzheitlichen Ansatz und bestand aus drei aufeinander gestaffelten Bereichen, die schon Hippokrates auflistete.

Was das Wort nicht heilt,
heilt das Kraut.

Was das Kraut nicht heilt,
heilt das Messer.

Was das Messer nicht heilt,
heilt der Tod.

(Hippokrates)

 

Zuerst kam das Wort. Die Heilkundigen der Klöster nahmen sich die Zeit, den Kranken zuzuhören und ihre Lebensumstände zu erfragen. Neben einigen kräftigenden Mahlzeiten erteilten die Mönche Rat für eine gesündere Ernährung und eine bessere Lebensführung. Nicht minder wichtig erachteten die Mönche allerdings auch das gemeinsame Gebet.
Nicht wenigen der von ihrer langen Reise erschöpften und kränkelnden Pilger halfen ein paar Tage Ruhe und einige kräftigende Mahlzeiten wieder auf die Beine. In den Krankenstuben kamen die Bedürftigen auch in den Genuss von fleischlichen Speisen und waren von der strengen Fastenzeit ausgenommen.
Die strengen und asketischen Zisterzienser warfen den (oftmals reichen) Cluniazenser Klöster oft vor, dass ihre Mönche sich während der Fastenzeit krank stellten, um in den Genuss von Fleisch und Wein zu kommen.

Half auch das Gebet und eine gesündere Ernährung nicht, wurde der Arzneischrank geöffnet. Das Hauptaugenmerk der mittelalterlichen Klostermedizin lag in der Kräuterheilkunde. Mit Tränken, Salben, Tinkturen und Umschlägen wurde dem Übel zu Leibe gerückt. Die meisten Kräuter und Gewürze wuchsen im klostereigenen Gärten und wurden sowohl in der Küche als auch zur Krankenpflege verwendet.

Wenn kein Sud, keine Tinktur, Umschlag oder Salbe Heilung brachte, blieben nur noch das Messer oder das Brenneisen. Im 11. Jahrhundert waren Eingriffe an inneren Organen nicht üblich, da die Kenntnisse der menschlichen Anatomie noch sehr unzureichend waren. Das Kunst der Chirurgen lag in der Versorgung (Ziehen) von Zähnen, im Richten und Behandeln von Knochenbrüchen, Amputationen von Gliedmaßen und in der Behandlung von Vereiterungen.

In den Klöstern wurde aber nicht nur Heilkunde praktiziert, die Mönche horteten Wissen in ihren Bibliotheken und gaben es an die nächsten Generationen weiter. Neben den lateinischen Werken wurden viele der griechischen und arabischen Schriften (oft in späteren Jahren von den Kreuzrittern ins Land gebracht) neu übersetzt und zugänglich gemacht.

Doch die Klostermedizin war in diesen Tagen nicht unumstritten. Die Weltsicht mancher Geistlicher, dass Krankheiten nicht natürlichen Ursprungs, sondern von Gott gesandte Prüfungen und Strafen waren, stellte manch einen Geistlichen vor ein nicht unerhebliches Glaubensdilemma. Stellte sich doch die Frage, ob es einem Menschen, und besonders einem Geistlichen, überhaupt gestattet sein durfte, seinem Herrn ins Handwerk zu pfuschen und das Leben des Kranken, den Gott zu Strafen beabsichtigte, zu verlängern oder gar zu retten. Diese Frage zieht sich durch das gesamte Mittelalter. Ist ein Kranker an seinem Zustand selber schuld und darf man eingreifen, um ihn zu retten?
Auch wenn die Bestrafungstheorie von vielen Geistlichen akzeptiert wurde, setzte sich letztendlich doch die Auffassung durch, dass manche Krankheiten nicht auf die Bestrafung durch Gott, sondern auf unmäßige Leidenschaften oder einen falschen Lebenswandel zurückzuführen waren.

 

Ein Hospital war im Mittelalter nicht nur ein Ort, den man aufsuchte, um Heilung zu finden, sondern auch, um dort sein Leben zu beenden. Insbesondere galt dies für Pilger und Reisende fernab ihrer Heimat und Familien.
Im gesamten Mittelalter war es erstrebenswert einen „guten“ Tod zu sterben. Gut bedeutete in diesem Zusammenhang, dass man sich in besonderer Weise auf das Sterben vorbereitet hatte. Der Sterbende ordnete sein Leben und seinen Nachlass, listete seine guten Taten auf und stiftete der Kirche. Im Hospital konnte er beichten und die Absolution durch einen Priester erhalten. Waren Familie und Freunde in der Nähe beheimatet, mochte der Kranke im Kreise seiner Nächsten sein Leben beenden und hatte die Möglichkeit, einzelne noch um Vergebung für seine eigenen schlechten Taten zu bitten und anderen Vergebung für deren Missetaten zu gewähren. Dies alles machte das Sterben zu einem „guten“ Tod.

Dies gehörte aber auch zu den Gründen, warum die Pest der späteren Jahrhunderte so gefürchtet war. Sie brachte nicht nur den Tod, sondern zerstörte auch alle sozialen Bindungen. Wie konnte man einen guten Tod sterben, wenn die Pest einen packte und innerhalb kürzester Zeit dahinraffte? Auf diesen Tod konnte man sich nicht vorbereiten. Er war in jedem Fall ein „schlechter“ Tod, da der Infizierte keine Hilfe beim Sterben bekam. Aus Furcht vor der Krankheit wagte sich kaum ein Heilkundiger oder Priester an das Sterbebett, selbst die Familie und die engen Freunde mieden den Pestkranken.

Die klösterliche Krankenpflege begann seinen Niedergang nach der Synode von Clermont im Jahr 1130, bei der das Verbot der ärztlichen Tätigkeit für Geistliche erging. Um die Weisung gegen den Widerstand der Klöster durchzusetzen, wurde sie in mehreren folgenden Synoden wiederholt und bekräftigt. In den darauffolgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten begannen die Städte eigene Hospitäler zu gründen oder klösterliche Hospitäler zu übernehmen. Hier arbeiteten angestellte Ärzte und Chirurgen gegen feste Bezahlung, ohne die unliebsame Konkurrenz der Mönche, die für Gotteslohn heilten. Auch die Hebammen und heilkundigen Kräuterfrauen sollten in den folgenden Jahrhunderten das Feld räumen müssen. Nicht wenige wurden als Hexen verleumdet und landeten auf den Scheiterhaufen der Inquisition.

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