Deutschland im Frühjahr des Jahres 1095

Der erste Band der „Kreuzwege“-Romane erzählt die Erlebnisse des Waisenjungen Jonah im Frühling des Jahres 1095 in der fiktiven deutschen Kleinstadt Hallberg. Hilfreich ist es, sich die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse dieser Zeit vor Augen zu führen.

Die zweite Hälfte des 11 Jahrhunderts war beherrscht von der Auseinandersetzung um die Vorherrschaft, sowohl im kirchlichen als auch im weltlichen Bereich, zwischen Papsttum und Heinrich IV., dem Kaiser des römisch-deutschen Reichs.

Gregor VII. wurde 1073 zum Papst gewählt und hielt dieses Amt bis zum Jahr 1085 inne. Sein Pontifikat war im höchsten Maße durch sein unnachgiebiges Streben nach Macht geprägt. Waren seine Vorgänger von der Gunst der weltlichen Herren, insbesondere der Kaiser des römisch-deutschen Reichs, abhängig, strebte Gregor die Vormachtstellung des Papstes, nicht nur innerhalb des Klerus, sondern auch gegenüber dem Adel an.

Sein Gegenspieler war Heinrich IV, König des römisch-deutschen Reichs, der 1084 zum Kaiser gekrönt wurde.

Die Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Papsttum fanden ihren Höhepunkt in dem sogenannten Investiturstreit. Beide Seiten beanspruchten für sich das Recht Bischöfe und andere kirchliche Positionen besetzen zu dürfen (Investitur). Da mit einem Bischofssitz auch eine nicht zu unterschätzende weltliche Macht und Grundbesitz einhergingen, war der Kaiser nicht bereit auf dieses Recht zu verzichten. Um sich gegen die Macht der relativ unabhängigen Herzöge behaupten zu können, war die Unterstützung durch die Bischöfe für ihn unabdingbar. Auf der anderen Seite war es für den Papst nicht tragbar, dass Laien, die oft weder des Lesens noch des Schreibens, geschweige den der lateinischen Sprache, mächtig waren, in hohe kirchliche Ämter eingesetzt wurden. Oft genug wurden Bischofssitze und die damit verbundenen Einkünfte von Adeligen gekauft (Simonie).

Um seine Machtansprüche zu stärken und gleichzeitig Heinrich zu schwächen, wiegelte Gregor die deutschen Herzöge gegen Heinrich auf. So war der Papst maßgeblich daran beteiligt, das deutsche Reich in einen lang andauernden Bürgerkrieg zu stürzen, in dem er die Herzöge bei der Wahl der beiden Gegenkönige Rudolf von Rheinfelden (1077-1080) und Hermann von Salm (1081 – 1088) unterstütze, Heinrich gleichzeitig exkommunizierte und als abgesetzt erklärte, sowie die jeweiligen Gegenkönige als legitime römisch-deutsche Könige anerkannte.

Von seinen eigenen Getreuen aufgefordert, den Kirchenbann zu beenden, machte Heinrich sich auf den bekannten Gang nach Canossa und unterwarf sich dem Papst. Von Heinrich überrascht, sah Gregor sich gezwungen, ihm die Beichte abzunehmen und die Absolution, und damit die Aufhebung des Kirchenbanns, zu gewähren.

In den darauffolgenden Jahren festigte Heinrich seine Macht. Auf sein Betreiben hin, wählten im Jahr 1080 deutsche und norditalienische Bischöfe den königstreuen Clemens III. zum neuen Papst und erklärten Gregor für abgesetzt. Clemens hielt sich für lange Zeit als Gegenpapst zu Gregor VII, Viktor III. und Urban II.

In den Jahren 1081 bis 1084 zog Heinrich jedes Frühjahr mit einem Heer nach Rom, belagerte die Stadt und verwüstete das Umland. Erst im Frühjahr 1084 gelang es ihm, die Stadt einzunehmen. Gregor verschanzte sich in der Engelsburg, die Heinrich nicht einzunehmen vermochte.
Clemens krönte ihn in Rom zum Kaiser, bevor Heinrichs Truppen vor den heranziehenden Normannen, die Gregor zu Hilfe eilten, fluchtartig die Stadt verließen.

Die Normannen unter Robert de Guiskard befreiten Gregor und plünderten anschließend die Stadt auf das Brutalste. Unter den Augen des Papstes wurden Tausende christlicher, römischer Bürger abgeschlachtet oder in die Sklaverei verschleppt. Kirchen und Klöster wurden geplündert und ein Aufstand der römischer Bürger blutig niedergeschlagen. Aus Angst vor der Rache der Römer, verließ Gregor gemeinsam mit den Normannen die geplünderte und zu großen Teilen niedergebrannte Stadt. Im Jahr darauf verstarb Gregor. Ihm folgten Viktor III und Urban II auf den Heiligen Stuhl. (Im Jahr 1606 wurde Gregor VII. heiliggesprochen.)

Papst und Gegenpapst lieferten sich in den folgenden Jahren heftige Kämpfe um Rom. In den Straßen herrschten Mord und Totschlag. Je nach Lage musste der eine oder der andere Papst, manchmal auch beide gleichzeitig, die Stadt verlassen, um mit neuen Truppen zurückzukehren.

Im Jahr 1990 begann Heinrich seinen dritten Italienzug. Anfangs war er erfolgreich, 1992 erlitt er aber eine empfindliche Niederlage gegen die Truppen Mathilde von Tusziens, einer engen Vertrauten von Papst Urban II. Im Frühjahr 1093 sagte sich sein Sohn Konrad von ihm ab und wechselte ins Lager der Papstanhänger. Im Jahr darauf folgte Heinrichs zweite Frau Adelheid ihrem Sohn. Aufgrund der Anschuldigungen Adelheids über die scheußliche Unzucht, die sie als Heinrichs Frau zu ertragen hatte, wurde der Kaiser auf der Synode von Piacenza erneut exkommuniziert.

In Süddeutschland kam es zu einer Koalition der Herzöge, Welf von Bayern, Berthold von Zähringen und dem Bischof von Konstanz, die die Alpenübergänge für Heinrichs Truppen sperrten. So verbrachte der Kaiser die Jahre 1093 bis 1096 eingeschlossen in Oberitalien, während seine Gegner im deutschen Reich frei agieren konnten. Urban reiset zur gleichen Zeit nach Südfrankreich um für eine bewaffnete Pilgerfahrt zur Befreiung der heiligen Stätten aus der Hand der Heiden werben. Das Kernland Frankreichs vermied er aber tunlichst, da er auch den französischen Kaiser mit dem Kirchenbann belegt hatte, genauso wie Wilhelm II. von England. In Deutschland fand er willige Unterstützer in den Klöstern, die das Reformpapsttum unterstützten, insbesondere im Kloster Hiersau.

Die Zeit der Gegenkönige war im Jahr 1095 vorbei, doch friedliche Zeiten waren dem Reich nicht beschieden. Der Adel stritt ohne Unterlass um Macht, Burgen und Land, und auch der Klerus führte kein friedlicheres Leben. Die Männer Gottes standen nicht hinter dem kriegerischen Adel zurück. Sie stritten sich sowohl mit den weltlichen Herren, als auch untereinander, nicht etwa um himmlische, sondern um profane, irdische Glückseligkeit, in Form von Land, Klöstern, Kirchen und Burgen. Kam der Klerus doch aus den gleichen adeligen Familien, wie auch die weltlichen Herren, und hatten oftmals die gleiche kriegerische Ausbildung genossen. Insbesondere hatten die Bischöfe stets ein gieriges Auge auf die Pfründe der Klöster, die sich zu ihrem Schutz, aber auch zur Ausweitung ihrer Macht, mit Scharen von Rittern umgaben.

Häufig liest man die Klagen von Bischöfen über vernachlässigte Gotteshäuser, Kircheneigentum, das verschwendet oder gar verschenkt wurde, Laienäbte, die ihr Amt gekauft hatten und nun mit Weib und Kindern in den Klöstern hausten, Prälaten, deren Gedanken sich nur um Jagd und Tanz drehten, während sie an prächtigen Tafeln schwelgten, und versuchten an Pomp noch die Könige zu übertreffen.

Ein leuchtendes Beispiel für die Gesinnung der Kirchenoberen ist sicherlich der Straßburger Bischof Otto von Staufen. Der Gottesmann bekämpfte den Grafen Hugo von Egisheim, fiel in dessen Besitzungen ein und belagerte die Burg Dagesheim. 1086 wurden seine Truppen von Hugos Männern überrascht, schwer geschlagen und davongejagt. Später versöhnten sich die beiden und speisten gemeinsam auf einem bischöflichen Gut. Noch in der gleichen Nacht ermordeten gedungene Meuchler Hugo im Bett des Bischofs. Menschliches Leben galt den Klerikern keinen Deut mehr als ihren „ritterlichen“ Verwandten. Auch untereinander gingen sie nicht zimperlich miteinander um. So war Abt Transmund von S. Maria zu Tremini keine Ausnahme, als er einigen Mönchen die Augen herausreißen und die Zunge abschneiden ließ.

Auch die Pfaffen machten es oft genug ihren Prälaten nach und raubten von den Nachbargemeinden, was sie nur fassen konnten oder vertrieben gar den gegnerischen Kirchenmann und vereinnahmten dessen Kirche und Pfarrkinder. So ist es nicht verwunderlich, dass die mittelalterliche Gesellschaft neben einer fast abergläubischen Verehrung auch ein latenter Hass auf die Priesterschaft durchzieht. Kein Priester konnte mehr Gläubige um sich scharen als derjenige, der am lautesten über seine Amtsbrüder herzog.

In diesem Umfeld wächst Jonah in dem Kloster Hallberg auf.

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